Ab nächstem Jahr sollten Bankkunden, die gerne ihr Konto überziehen, das Minus auf dem Bankkonto genauer im Auge behalten. Die Eigenkapitalvorschriften Basel II sehen nämlich vor, dass Kredite, die 90 Tage nicht bedient werden, als Ausfall gelten. Die Banken können den Kredit fällig stellen. Und das gilt laut Thomas Reinicke vom Bundesverband der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken (BVR) auch für Überziehungen. Gewöhnlich beträgt der Überziehungsrahmen zwei bis drei Monatsgehälter. Die Zinsen für den so genannten Dispositionskredit betragen den Daten der FMH Finanzberatung zufolge derzeit rund 11,4 Prozent. Überzieht der Kunde sein Konto über den von der Bank gewährten Disporahmen hinaus, zeigt sich die Bank in den meisten Fällen kulant, verrechnet dem Kunden jedoch weitaus höhere Zinsen - derzeit laut FMH durchschnittlich rund15 Prozent. "Viele Banken verdienen ordentlich Geld damit", sagt der BVR-Experte.
Wird nun künftig die 90-Tage-Frist überschritten, dann hat die Bank die Möglichkeit den Dispokredit in einen Ratenkredit umzuschulden oder den Dispositionsrahmen zu erhöhen. Dadurch könnte sich der Überziehungszins noch weiter verteuern. Hintergrund sind die Hinterlegungspflichten. "Alle Konten, die mehr als 90 Tage im Verzug sind, müssen im Standardansatz in der Regel mit mehr Eigenkapital hinterlegt werden. Wie die Banken damit umgehen, ist eine andere Frage. Viele verdienen am Überziehungsrahmen recht gut. In den meisten Fällen werden sie die Linie zu einem höheren Zinssatz erhöhen", sagte Heitmann. Auch BVR-Experte Reinicke geht davon aus, dass die höheren Eigenkapitalkosten an die Kunden weitergegeben werden: "Wenn für die Kunden mehr Eigenkapital hinterlegt werden muss, werden sich möglicherweise die Kreditzinsen etwas erhöhen".
Unklar ist hingegen, ob für die interne Linie, also für den Kredit über den Disporahmen hinaus, Eigenkapital hinterlegt werden muss. Die Banken sind in Gesprächen mit dem Finanzministerium. Eine entsprechende Regelung wird in den nächsten Wochen erwartet.
Im Bereich der Konsumentenkredite sind die Auswirkungen von Basel II schon spürbar. "Die Auswirkungen von Basel II haben wir heute schon. Bei Konsumentenkrediten gibt es nur noch bonitätsabhängige Konditionen", sagte Thomas Bieler von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Die Verbraucherschützer kritisieren, dass nur Kunden mit bester Bonität in den Genuss des Zinssatzes kommen, mit dem die Banken werben. "Den Werbezins bekommt nur noch der Kunde, der eigentlich gar keinen Kredit braucht", sagte Bieler.
So bietet die Norisbank für Kunden mit bester Bonität einen Zinssatz von 4,10 Prozent. In diese Kundenklasse fallen laut Max Herbst von der FMH Finanzberatung jedoch nur drei bis fünf Prozent aller Kunden. Kunden mit guter Bonität, rund 25 Prozent aller Bankkunden, müssen bereits mit einem Zinssatz von 6,99 bis 7,99 Prozent kalkulieren. "Die Spreizung geht weiter auseinander. Von einer Stufe zur nächsten gibt es extrem große Unterschiede", sagt Herbst.
Doch damit nicht genug: Durch die unterschiedlichen Konditionen wird es auch schwieriger, sich einen Überblick über die Kreditangebote der Banken und Sparkassen zu machen. "Ein großes Problem ist, dass es in absehbarer Zeit nicht mehr möglich sein wird, anhand von Konditionenübersichten Kredite zu vergleichen", sagte der Verbraucherschützer. Durch die schwindende Transparenz wird es für die Banken auch leichter, versteckte Preiserhöhungen unterzubringen.
Black Box Bonitätseinstufung
Beste, gute oder doch nur zufrieden stellende Bonität? Davon hängt künftig ab, wie teuer den Verbrauchern ein Kredit kommt. Die Kreditinstitute verwenden für die Bonitätseinstufung ihrer Kunden eigene Scoring-Verfahren - ähnlich dem Rating von Unternehmen. "Was die Kunden verstärkt wahrnehmen werden, ist der Einsatz von internen Scoring-Verfahren. Sie werden unter anderem vermehrt Angaben zu ihrer Einkommenssituation machen müssen", sagte Zeb-Finanzexperte Christian Heitmann.
Auch das Scoring steht im Kreuzfeuer der Kritik: Zu intransparent seien die Verfahren, meinen Verbraucher- und Datenschützer. Sie fordern, dass die Kunden Kenntnisse darüber erhalten müssen, welche Kriterien in ihr Rating einfließen, sowie welchen Einfluss sie auf das Ratingergebnis und damit auf die Kreditentscheidung und Konditionengestaltung haben. Derzeit sind bis zu 20 verschiedene Scoring-Modelle in Verwendung.
Abschließend auch eine gute Nachricht: Basel II bringt nicht nur Nachteile für private Bankkunden. "Die positiven Effekte von Basel II sind, dass die Zinsen zunehmend risikoadjustiert berechnet werden. Ein Kunde mit guter Bonität bekommt damit auch bessere Zinsen", sagt Heitmann.
Quelle: FTD
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